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Innovationen wagen – mit neuen Werkstoffen Brücken bauen

Gastbeitrag von Dr.-Ing. Nicholas Schramm, Büchting + Streit AG, München

Die Herausforderungen für unsere Bauwerke, insbesondere für Brücken, sind gewaltig. Der Erneuerungsbedarf ist groß, die Anforderungen an Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit sowie Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit steigen. Umso erfreulicher ist es, dass mit dem 500-Milliarden-Infrastrukturpaket nun endlich die finanziellen Voraussetzungen verbessert wurden, um die dringend notwendige Modernisierung unserer Bauinfrastruktur aktiv anzugehen.

Neue Werkstoffe mit enormem Potenzial

Gleichzeitig ist es an der Zeit, mutiger mit neuen Werkstoffen umzugehen. Ultrahochfester Beton (UHFB), faserbewehrte Hochleistungsbetone und kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe (CFK) bieten enorme Potenziale, sowohl im Neubau als auch bei der Ertüchtigung bestehender Tragwerke. Mit ihnen lassen sich nicht nur schlankere und ressourcenschonendere Konstruktionen realisieren, sondern auch die Lebensdauer lässt sich deutlich erhöhen – insbesondere durch den gezielten Einsatz korrosionsbeständiger Bewehrung und hoch dauerhafter Werkstoffe wie UHFB.

Erfolgreiche Anwendungen weltweit

In Ländern wie der Schweiz, etwa bei der Schweizer Bundesbahn oder auch bei der Ertüchtigung von Straßenbrücken mit UHFB-Aufbeton, ist der Einsatz von UHFB mittlerweile gelebte Praxis. Auch in Asien, z. B. in Malaysia oder Japan, zeigen zahlreiche erfolgreiche Projekte, was mit ausreichend Mut möglich ist. So wurden beispielsweise in Malaysia mit der „Batu 6 bridge" bereits vor mehr als zehn Jahren ein Brückenbauwerk in Segmentbauweise aus UHFB mit einer Spannweite von 100 m und mittlerweile viele weitere ähnliche Projekte realisiert.

Die Herausforderung in Deutschland

Es stellt sich die Frage: Warum tun wir uns in Deutschland oft so schwer? Wenn es beim Bau von LNG-Terminals plötzlich schnell gehen kann, mit beschleunigten Genehmigungs-, Vergabe- und Prüfverfahren, dann muss diese Agilität doch auch für Brücken möglich sein. Nicht nur die Herausforderungen sind da, sondern auch Lösungen liegen vor. Es liegt an uns, sie anzunehmen, zu fördern und umzusetzen. Nur so gelingt der Schritt vom Stand der Forschung zum Stand der Praxis.

Pragmatismus und kontrollierte Innovation

Natürlich brauchen neue Technologien einen sicheren Rahmen. Aber wir brauchen auch eine pragmatische Haltung im Genehmigungsprozess, bei kontrolliertem Umgang mit Innovationen – gezielte Pilotanwendungen ggf. mit begleitender wissenschaftlicher Überwachung. Nur so lernen wir, was wirklich gut funktioniert. Denn wer nie testet, bleibt im Zweifel ewig bei der sichersten, aber nicht immer besten Lösung. Sofern wir uns beispielsweise selbst im Rahmen von Pilotprojekten nie trauen zu testen, ob eine reduzierte Betondeckung bei Bauteilen aus UHFB zur Sicherstellung einer ausreichenden Dauerhaftigkeit ausreicht, werden wir auch nie wissen, ob eine Reduktion möglich ist.

Erste Schritte in die richtige Richtung

Erfreulich ist, dass inzwischen sogar im Bereich der Deutschen Bahn erste Anwendungen innovativer Werkstoffe realisiert werden. Aber der Weg von der Forschung in die Praxis ist noch lang. Umso wichtiger ist es, dass wir den Transfer aktiv gestalten – mit Innovationsprojekten, interdisziplinärem Austausch und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Fazit

„Ein Ingenieur ist nur so gut wie die Werkstoffe, mit denen er arbeitet" – wie schon Henry Ford wusste. Die richtige Materialwahl ist ein Schlüsselfaktor für die Langlebigkeit eines Bauwerks. Deshalb sollten wir sie bewusst treffen – nicht nur nach Norm, sondern mit dem Blick für das technisch und wirtschaftlich Sinnvolle.

Ihr Dr.-Ing. Nicholas Schramm
Büchting + Streit AG, München

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